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Plötzlich rückt das Elend ganz nahe… Donnerstag Abend auf dem Weg zu meinen Eltern saß es plötzlich am Straßenrand.

Wir bogen in eine 30-Zone ein und vor einem leerstehenden Haus inmitten dieser adretten Wohnsiedlung saß ein ganz elender magerer kleiner Kater, verdreckt und verfilzt, mit blutenden Stellen an Kopf und Ohr, schaute uns an und bewegte das Mäulchen, als würde er leise vor sich hinjammern.

Der Anblick traf uns direkt ins Herz.
Es lag noch ein Katzenstick im Auto, Udo fuhr an die Seite, ich stieg aus, ging lockend zu ihm hinüber, und nachdem er sich erst zwischen den kleinen Buchsbaumpflänzchen im Vorgarten des zum Verkauf stehenden Hauses verstecken wollte, kam er beim Anblick des Futters in meiner Hand sofort zu mir und schlang die Brocken gierig hinunter. Und dann schmuste er mit mir, fordernd und lauthals schnurrend. So mager, so schmutzig – er sah schrecklich aus mit seinen offenen Wunden.

Udo räumte inzwischen den Kofferraum aus und suchte nach möglichst bissfesten Handschuhen, aber es waren keine da und das war auch nicht nötig. Beherzt fasste ich zu und nahm den mageren kleinen Kerl auf den Arm – erst als wir beim Wagen waren, begann er zu zappeln und sich zu wehren, aber da war es schon zu spät. Ich setzte ihn in die Kofferraumwanne, hielt ihn mit einer Hand, bis Udo den Deckel fast geschlossen hatte – und schon hatten wir ihn.

Was nun? Das Tierheim hatte um diese Zeit schon zu. Unser Tierarzt ist derzeit in Urlaub, nur die Helferin ist zu den normalen Sprechzeiten immer da – ein Anruf und sie gab uns die Telefonnummer und Anschrift der Urlaubsvertretung.
Es war kurz vor 19.00 Uhr, der Tierarzt war schon Zuhause, aber wir verabredeten uns 20 Minuten später an seiner Praxis.
Erst fuhren wir unsere schweigsamen Fracht vorsichtig Nachhause – wir konnten beim Tierarzt ja schlecht den Kofferraum öffnen und sagen, da ist er…

Ich setzte mich mit einem ausgepolsterten Kennel auf die Rückbank und klappte einen Teil der Rückenlehne nach vorne, mit Hilfe eines Katzensticks war es eine Kleinigkeit, ihn in den Katzentransporter zu bekommen. Für mich ist es immer wieder unfassbar, wie überaus lieb und wie dankbar alte und kranke Katzen sind. Unser ‚altes Mädchen‘ Miri war auch so ein herzenslieber Schatz. Und auch bei Moritz machen wir die Erfahrung, dass er mit zunehmendem Alter und zunehmenden Gebrechen seine rabiate Art ganz verliert und immer zarter und liebevoller im Umgang mit uns wird.

Ein Häufchen Elend

Der Tierarzt säuberte die Verletzungen und gab dem Kater Penicillin, mehr konnte er erstmal nicht tun. Die Verletzungen sind alt, vermutlich aufgegangene Abszesse. Im Maul hat er nur noch 2 Zähne und ganz viele Geschwüre, bei seinem Zustand läßt das womöglich auf Leukose oder Katzenaids schliessen. Sehr alt sei er, meinte der Arzt – viel zu mager und dehydriert. Wir müssten ihn irgendwie zum Trinken animieren. Wenn er frisst und trinkt könnte er sich durchaus nochmal erholen…

Wir nahmen ihn für die Nacht mit zu uns, im Keller haben wir mit wenigen Handgriffen in 2 Räumen alles parat, was eine Katze in Kurzzeit-Quarantäne so braucht. Alles bei Tarik bereits erprobt… 😉 Der kleine Kater hat an dem Abend nach und nach noch fast 200 g mit Wasser gestrecktes Miamor (Milde Mahlzeit) gefressen – das ging bei unserer zahnlosen und auch von Maulgeschwüren geplagten Miri immer gut. Schmerzen hatte er beim Fressen, fasste sich immer wieder verzweifelt mit der Pfote ans Mäulchen und verließ den Futterplatz, um sich zu verstecken – aber der Hunger war größer als der Schmerz, er fraß im Laufe des Abends alles auf.

Armer kleiner Kater

Er hat sich dann in der hintersten Kellerecke, hinter einem Stapel Pappkartons verkrochen – weder ein gepolsterter Karton, noch der offenstehende Kennel, noch ein mit Heu ausgelegtes Katzenschlafhaus konnte ihn verlocken. Er schlief auf dem blanken Estrich, in eine Ecke gequetscht. Am nächsten Morgen konnten wir nur an den überall verteilten Blutstropfen erkennen, was er sich nachts wohl alles näher angeschaut hat…
Obwohl er morgens erst Abstand hielt und fauchte, wollte er nach seinem Frühstück doch wieder mit mir schmusen, ich hatte Mühe, dabei seinen Verletzungen auszuweichen.
Die beiden Katzentoiletten hat er ignoriert aber sein kleines Geschäft sehr säuberlich in einem Katzenklo-großen Pappdeckel gemacht…

Später am Vormittag ist er bei Udo ohne weiteres in den Transportkorb gegangen, ganz ohne Nachhilfe. Dann hat Udo ihn zum Tierheim gebracht, sie wollten ihn dort gleich ihrem Tierarzt vorstellen.

Hoffentlich bekommt er noch eine Chance auf ein bisschen umsorgtes Katzenleben, er ist so ein unglaublich lieber Kerl! Er sieht ganz ganz schlimm aus, aber nach unserem Eindruck ist er alles in allem sehr viel besser beieinander als damals Miri.

Wie schlimm, dass ein Tier mitten in einer Wohnsiedlung, zwischen all den adretten Häusern mit all den gepflegten Vorgärten, so schrecklich herunterkommen und so leiden kann.

Und alle schauen weg!

Christina

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