Willis – das Sanfte Wesen

Willis *16. April 2006 ~+15. Februar 2012


Knockin’ on heavens door…
26. Februar 2012                                       Cat-Angel Willis

Nun sitze ich hier und habe Tränen in den Augen – Andrea hat sich bei mir gemeldet: Willis ist über die Regenbogenbrücke gegangen, ein Auto hat ihn überfahren. Sie konnte in seinen letzten Minuten bei ihm sein und hielt ihn im Arm, als er auf die letzte große Reise ging…

Willis, du lieber verschmuster Kerl – bestimmt bist du schon bei Boncuk im Regenbogenland.

Habt Spaß, ihr beiden… Irgendwann sehen wir uns wieder. Ganz bestimmt.


So lange wollte ich euch schon Willis‘ Bildergalerie vorstellen – und nun ist es ein Abschiedsgruß geworden, denn Willis ist Mitte Februar 2012 über die Regenbogenbrücke gegangen…

Willis teilte seit September 2008 das Leben mit Andrea und Max in der Wedemark –
er lebte dort mit 4 Katzen- und 2 Hundekumpeln ein großartiges freies Leben.

Dank Andrea’s Hilfe habe ich euch hier ein Album bestückt mit einigen Bildern aus seinem kurzen Intermezzo bei uns und ganz vielen aus seinem glücklichen aber viel zu kurzen Leben in der Wedemark.

Leb wohl, du großartiger Kater! Grüße mir Boncuk!


Willis bei uns:


Willis, Zuhause in der Wedemark:


Willis

Wir fahren Willis besuchen, unseren ‚Kurzzeitkater’…
Er war ein knappes Dreivierteljahr bei uns, bevor wir ihn
nach Boncuks Tod einem tollen Paar vermitteln konnten,
dort lebt er nun glücklich mit 3 weiteren Katern, einer Main-
Coon-Katze und 2 katzenverrückten Hunden.

Willis ist ein OKH-Mix, genauso clever und aufgedreht
wie eine Siamkatze und wir haben ihn seinerzeit als Spiel-
kameraden für Boncuk zu uns geholt.
Moritz konnte ihrem Spieldrang nicht genügen, wenn er keine Lust
mehr hatte, war sie noch lange nicht fertig.
Selbst wir hatten Mühe, die kleine Maus müde zu spielen.

Willis ist mit Hunden und einer Siamkatze aufgewachsen
und hat das erste halbe Jahr Nicki und Boncuk aufgemischt und
durch’s Haus gejagt, dass sie sich voller Schrecken unter den
Heizkörpern verkrochen – er verhielt sich wie ein Hund: sobald
er am anderen Ende des Hauses die Katzenklappe hörte, schoß
er los, um den armen Eindringling zu stellen…

An Moritz traute er sich nicht heran, der hatte gleich anfangs
für klare Verhältnisse gesorgt – aber Boncuk wagte sich nicht
mehr vom Kratzbaum runter und Nicki nicht mehr in’s Haus – ich
hätte ihn gleich wieder vermittelt, aber er verkürzte Udo
mit seiner (uns gegenüber) wirklich lieben und anschmiegsamen Art
die schlaflosen Nächte und der wollte sich nicht von ihm trennen…
Und er wollte mir auch nicht glauben, wie schlimm der kleine Rabauke
sein konnte, bis er es endlich mal mit eigenen Augen sah.

Jedenfalls entspannte sich die Lage hier gerade seit wenigen Wochen
zu so etwas ähnlichem wie Normalität, als Boncuk ums Leben kam – und
danach lief es aus dem Ruder, Boncuk muß wohl die heimliche Nr. 1
gewesen sein – Willis versuchte Moritz den Herrschaftsanspruch
abzujagen und versetzte alle Katzen hier in Angst und Schrecken.

Nach längerem hin und her war ich mit Udo einig, ich inserierte
Willis – und hatte schon kurz darauf Kontakt zu Andrea.
Dem ersten Telefonat folgte gleich noch eines, alles passte,
dann wollte sie unbedingt schon am nächsten Tag, einem Samstag,
zum gucken kommen – und nicht erst später, wie wir eigentlich
vereinbart hatten.

Sie kam und Willis mochte sie sofort, er ließ sich gleich direkt neben ihr
auf der Fensterbank nieder… Und als sie dann den viel zu kleinen
Katzentransporter aus dem Auto holte (Willis ist durch seine langen
Beine sehr groß) und ein Tuch daraus hervorzog, um es ordentlich
hineinzulegen, kletterte er gleich mit hinein, machte sich ganz klein
und blieb in dem offenen Transporter liegen, als wollte er sagen
‚Nimm mich bloß mit!‘

Das hat sie dann auch gemacht – wir hatten ein gutes Gefühl.
Willis sollte sie über den Verlust ihres Lieblingskaters hinwegtrösten,
der war seit 2 Wochen verschwunden, obwohl auch er vorher noch nie
fort war. Sie hatte gar keine Hoffnung mehr auf seine Rückkehr.

Was soll ich sagen – sie rief am nächsten Tag an und erzählte uns,
es sei etwas ganz Schreckliches passiert…

Willis ging am Abend mit in’s Schlafzimmer zum Schlafen,
er lag auf einem Sofa am Fußende des Bettes – und mitten
in der Nacht wachte sie durch eine Schmuseattacke auf und dachte
‚Der traut sich aber was…‘ – bis sie genauer hinschaute und sah,
dass ihr Liebling Rudi in der Nacht zurückgekehrt war!
Den Rest der Nacht war sie schlaflos, weil sie nur noch überlegte,
ob das wohl auch mit 4 Katern und 1 Katze funktionieren würde –
oder ob Willis wieder zu uns zurück muß… – sie behielten Willis
und alles wurde gut!

Wäre sie damals mit dem Besichtigungstermin nicht so hartnäckig
gewesen – und wäre Rudi nur einen Tag eher zurückgekehrt – Willis
hätte die Chance seines Lebens verpaßt!

Bei unserem Besuch haben wir einen wirklich schönen Nachmittag
bei Andrea in der Wedemark verbracht.
Willis hat uns begrüßt, ob er uns noch einordnen konnte, weiß ich nicht.
Er hat ein wirklich schönes Leben dort, prima Katzen- und Hundekumpel –
besser geht es nicht. Da kann er nun auch den Hundeanteil seiner kleinen
Katerseele ausleben…


Das Sanfte Wesen

Die Geschichte vom sanften Wesen habe ich vor langem gelesen und wieder aus den Augen verloren…
Andrea hat sie mir nun wieder zuteil werden lassen – für sie ist diese Geschichte eine Erinnerung an Willis – denn als Willis zu ihnen zog, haben sie immer gesagt, dass sie jetzt auch ihr sanftes Wesen gefunden haben – denn das war er, mehr als alle anderen.

Das sanfte Wesen
(The gentle being – Übersetzung: Doris Angermund, Autor des Originals: Patricia Nell Warren)

Während der Recherchen zu meiner neuen Novelle ONE lS THE SUN bekam ich diese Geschichte von einem Metis (Mischblut) aus Montana. Er wiederum hatte sie von seinem Cree-Verwandten, der in Nord Kanada – Luchs-Land – in der Nähe des Polarkreises lebte.
Es ist eine Geschichte, wie sie aus diesem Land kommt. Und es ist die Art von Land, wo man heute noch Stunden um Stunden in altersschwachen Flugzeugen, Typ Cessna 170, verbringt, um dort hinzugelangen.

Der Metis schilderte, wie sich das Flugzeug in eine phantastische Fernsicht von hunderten von Meilen nördlichen Himmels bohrt, weit oberhalb des 50sten Breitengrades, die Sonne von den Wassern der wilden Flüsse und Seen reflektiert, von endlosen Flächen sumpfiger Wiesen und Wäldern zurückgeworfen, wo technische Geräte ihre tödlichen Furchen tief durch die Pfade von Elch und Wolf graben. Und endlich erstrahlt das Blau des unten liegenden Sklavensees.

Nach etwa einer Stunde dieses Schauspiels, erzählt der Metis, ändert der Motor der Cessna seinen Ton, und die Maschine landet schließlich auf einem winzigen Streifen in Yellow Knife; und die Verwandten warten mit einem Lächeln, das die Falten und Runzeln in ihren verwitterten Gesichtern neu anordnet, mit warmem Händedruck und ihren unterschiedlichen Dialekten. Post, Hunde und etliche Gegenstände werden aus dem Flugzeug geworfen, andere Artikel an Bord geschleudert, und das Flugzeug hebt schon wieder ab, während Du mit Deinen Verwandten in dem alten Ford davon rumpelst.
Es ist eine andere Welt, erzählte mir der Metis, wo Geschichten auch heute noch ein legales Zahlungsmittel sind.

Geschichten werden immer noch gehandelt so wie einst an diesen Gestaden, als nordische Sklavenkinder, gegen südliche Drogenpflanzen und Papageienfedern getauscht, von den Händlern aus dem Süden in Marsch gesetzt wurden, bis die Karawane nach vielen, vielen Monden des Marschierens im Jaguar-Land – Mexiko – ankam.
Die Kinder wurden erwachsen während der Reise, und wenn sie Mexiko erreichten, wurden sie zum Maisanbau und zum Bau von Pyramiden eingesetzt. Es ist eine Geschichte, erzählt mit einem besonderen Rhythmus und dem dieser Welt eigenen Verständnis.

Einer der Verwandten hatte diese Geschichte erhandelt. Er bekam sie von einem Inuit (Eskimo), der in der Nähe von Point Barrow lebte. Trotz der Naturverschandelung durch die Alaska-Pipeline, und Fernsehen, und Alkohol, und all der Traurigkeit und Wut, die man empfindet, wenn man arm und bedürftig in eine wohlhabende Weiße-Mann-Welt geboren wird, sind doch viele Errungenschaften des Weißen Mannes in diesem nördlichen Land fremd geblieben.
Manche der Neuheiten des Weißen Mannes wurden vehement abgelehnt, andere dagegen wurden akzeptiert, weil – wie befremdlich sie auch immer sein mochten – sie als wundervolle Geschenke des Lebens (nicht der Weißen) empfunden wurden.
Diese Leute betrachteten Geschenke schon immer auf diese Weise.
Und solch ein Geschenk war DAS SANFTE WESEN.

Vor vielen Jahren, erzählten die Inuit, als ihre Großväter noch jung waren, geriet das „Big Canoe“ eines Weißen Mannes (ein Walfänger) in das Packeis vor der Küste von Point Barrow.
Das Schiff wurde immer härter von den großen Eisblöcken zusammengepreßt, die sich schnell darum auftürmten. Nach einer Weile gab das Holz unter krachendem Geräusch nach, und das Schiff versank schnell in den eisigen Fluten.
Die Inuit, die vom Ufer alles beobachtet hatten, näherten sich waghalsig über das sich todbringend bewegende, stöhnende Eis der Unfallstelle. Sie wollten nachsehen, ob es Menschen zu retten gab, oder ob sich eventuell noch etwas für ihre Vorratskammern finden ließ. Aber es gab keine Überlebenden. Nichts war von dem Schiff übriggeblieben außer einigen zersplitterten Planken, die aus dem Eis, genau dort, wo das Schiff untergegangen und das Eis sich über dem schwarzen, eisigen Wasser geschlossen hatte, herausragten.

Nichts lebte mehr – außer einem befremdlichen, kleinen Tier-Wesen, das die Inuit auf dem Eis herumlaufen sahen. Es war das seltsamste Wesen, das je einer von Ihnen gesehen hatte.

Dieses kleine Wesen war möglicherweise ein Verwandter des Luchses, aber dann wiederum sah es ganz und gar nicht wie ein Luchs aus. Es kam direkt auf sie zu, zitternd vor Furcht und Kälte.
Sie beobachteten es nervös, die Waffen bereit zum Töten, falls nötig. Aber es versuchte nicht, sie anzugreifen, und es war auch nicht ängstlich ihnen gegenüber. Im Gegenteil, es rieb seine Flanken an ihren Beinen mit einem fragenden, kleinen Schrei in einer hohen Stimme. Die Inuit kannten wohl die großen, stillen Luchse dieses Landes. Sie wußten auch, daß ein Luchs niemals so etwas machte, wie sich an jemandes Beinen zu reiben.

Dieses Wesen war viel kleiner als ein Luchs und hatte kleine, runde Pfoten, die nicht für Wanderungen über den Schnee gemacht schienen. Es hatte auch nicht das dichte Fell und die Ohrpinsel eines Luchses. Noch hatte es die gleiche Farbe. Sein Balg war angemalt mit weiß, rot und schwarz, auf die gleiche Art, wie die nördlichen Crees manchmal ihre Gesichter bemalten.
Die Leute waren so erstaunt über die Zutraulichkeit dieses Wesens, daß sich endlich eine mutige Frau vornüber beugte und es aufhob.
Das Wesen kuschelte sich in den Parka der Frau und machte ein Geräusch wie warme, glühende Kohle und das die Luchsin immer machte, wenn sie glücklich mit ihren Kitten war. Das war ein gutes Zeichen.
So nahmen sie das Wesen mit zu ihrem Dorf zurück.
Sie überlegten, ob es wohl gut schmecken würde. Aber es war so klein, und es gab ja nur das eine. Es hatte auch überhaupt kein Fett an sich. Jeder Dorfbewohner hätte so nur einen Bissen von dem Wesen bekommen. Und im übrigen waren sie doch zu neugierig, und sie ließen es leben.

Da es keine Bezeichnung für dieses Tier in der Inuit-Sprache gab, nannten sie es das Sanfte Wesen.

Das Sanfte Wesen merkte schnell, daß es überall im Dorf willkommen war. Die Schlittenhunde bellten es wütend aus ihren Hütten an, und es stellte seine Haare auf wie ein Sommer-lgel und spuckte sie an. Wenn ein Hund es jagte, verhielt sich das Sanfte Wesen sehr clever und rannte wie der Wind in den nächstgelegenen Iglu, wo die Hunde keinen Zutritt hatten. Drinnen, in der Wärme der ausgelegten Felle und beim goldenen Licht der Robbenöl-Lampen wanderte das Sanfte Wesen von einem Schoß zum anderen.

Die Leute hatten schon bemerkt, daß das Sanfte Wesen ein Weibchen war, und sie wurden nie müde, es zu berühren, zu beobachten und sich Geschichten über sein kurioses Verhalten zu erzählen. Sie wurde bei Besuchern herumgezeigt, da sie das Dorf auf ihre Art reicher machte. Eigentlich gaben sie richtig mit ihr an.

Das Sanfte Wesen liebte die Berührungen der Menschen. Sie machte einen runden Rücken und diesen leisen, tröstenden Feuerton in ihrem Hals. Die Kinder legten gern die Ohren an ihre Seite, um diesem Geräusch zu lauschen. Wenn jeder sich zum Schlafen zusammenrollte, suchte sich auch das Sanfte Wesen jemand, neben dem es sich schlafen legte. Sie rollte sich zusammen, legte die Pfötchen unter ihre Brust auf die erstaunlichste Weise, um sie warm zu halten und sang ihr Feuerlied.

Wie wunderschön ihre Augen waren! Strahlend und von einem klaren Gelb waren sie – aber nicht wie die Augen des Wolfes. Nein, nein! Ihre Augen waren wie die Sonne! Die Pupillen öffneten und schlossen sich auf magische Weise, wenn das Licht in sie schien. Und ihr Fell! So weich wie es war! Mit der Zeit wurde es dichter vom Leben in dem kalten Land. Die Leute freuten sich darüber, denn sie hatten schon befürchtet, daß sie erfrieren würde.
Während der kältesten Wintertage ging sie nicht oft ins Freie, denn sie hätte sich möglicherweise die delikaten Hautpolster unter ihren Füßen erfrieren können. Ab und an, wenn es nicht ganz so kalt war, saß sie im Windfang eines Iglus, geschützt vor der rauhen Witterung, um nach den wenigen Sonnenstrahlen zu haschen, die sich durch die Wolken stahlen. Aber das tat sie nur vor oder nach der langen arktischen Nacht.

Wenn die Leute von der Jagd heimkehrten, dann kam sie immer heraus. Sie saß in erhabener Würde in der Nähe des Platzes, wo die Männer die Beute zerlegten, und sie gaben ihr kleine Geschenke von wohlschmeckenden Häppchen, Fett und Fleisch. Sie liebte das und trug diese kleinen Geschenke etwas fort, um sie mit grober Achtsamkeit zu essen. Welch feine Manieren sie hatte! Wenn sie fertig gegessen hatte, wusch sie sich, und wusch sie sich, bis die Leute sich fragten, oh sie nicht ihr ganzes Fell mit ihrer rauhen Zunge entfernen würde.

Wenn es Sommer wurde, verließen die Dorfleute ihre Iglus, die einfach zerschmolzen, um durch die sommerliche Tundra zu ziehen, Sommerfleisch zu jagen und Kräuter zu sammeln, die Sonne und den Duft der Vegetation zu genießen. Das Sanfte Wesen ging mit ihnen. Sie war ein vorzüglicher kleiner Reisegefährte, hielt sich von den Hunden fern, trottete den Weg entlang und folgte mal dieser und dann jener Familie, den Schwanz steil in die Luft gehoben. Das gute, eifrige Gefühl in ihr ließ die Spitze des Schwanzes sanft tanzen. Ab und zu verschwand das Sanfte Wesen in der Tundra, und sie konnten feststellen, welch vorzüglicher Jäger sie war.
Die Schritte der Wandernden scheuchten Mäuse und Vögel auf, und sie fing eine Maus schneller als jeder Wolf. Sie setzte sich dann hin, um ihren Fang auf die zierlichste Weise mit ihren weißen Zähnen zu verzehren. Gleich darauf rannte sie los, um die Leute einzuholen. Manchmal fing sie Singvögel, die sie auch aufaß. Hin und wieder brachte sie eine Maus als Geschenk zu dieser oder jener Familie. Sie tat das auf die gleiche Art, wie Mutter Luchs ihren Kitten Futter brachte. Das berührte die Leute zutiefst. „Sie mag uns sehr,“ erzählten sie einander.

Während des ganzen Sommers lebten die Leute in Zelten und sahen zu, wie die Sonne ihren Sommertanz entlang des Horizonts vollführte, und das Sanfte Wesen ging von Unterkunft zu Unterkunft. Wenn die Sonne dann ihr eigenes Winterquartier in ihrem großen Iglu unter dem Horizont aufsuchte, bauten sie wieder ihre Häuser aus Schnee, und das Sanfte Wesen ging mit ihnen hinein und überflutete ihr Leben mit seiner Wärme. Sie war das Sonnenwesen aus warmem Licht, eingefangen in Pelz und Zähnen.

Die Leute fragten sich, wie lange sie bleiben würde, und wie lange sie wohl leben würde. In jedem Frühjahr und im Sommer rief sie laut nach einem Partner, wie es auch die Luchsin machte. „Wie schade, daß wir nicht noch ein anderes Sanftes Wesen haben, ein männliches,“ sagte der Dorfälteste. „Wenn es noch eins gäbe, dann könnten wir sie sich paaren lassen, wie die Hunde. Auf diese Weise hätten wir dann immer sanfte Wesen bei uns.“ Der Chief sprach oft darüber. Aber es fanden keine anderen Sanften Wesen den Weg zu ihnen. Und sie hatten Angst, einen der selten vorüberkommenden weißen Händler zu fragen, ob es nicht vielleicht ein zweites Sanftes Wesen gab, das man eintauschen konnte, denn sie befürchteten, daß die Weißen dann das kostbare erste zurückhaben wollten. Und, in der bekannten Art der Weißen, würden sie das Sanfte Wesen einfach stehlen – und nicht einmal etwas dafür anbieten. Das war eben die Art, wie die Weißen immer alles machten.

Mit der Zeit fanden die Leute eine sehr interessante und bemerkenswerte Eigenschaft über das Sanfte Wesen heraus. Es fiel ihnen auf, daß sie über Heilungen Bescheid wußte. Wenn jemand im Dorf krank war, ein Kind oder ein Erwachsener, ging das Sanfte Wesen sofort dorthin, setzte sich ganz nahe heran und tröstete den Kranken mit ihrem Großen Lied. Wenn die Medizinfrauen kamen, um zu doktern, und sangen, und trommelten, und mit Federn und Sommerkräutern arbeiteten, saß das Sanfte Wesen genau dort, ihre großen, gelben Augen auf die kranke Person fixiert. Ihre Augen brachten die Heilkraft der Sonne in ihren Winter, sagten die Leute. „Sie weiß ganz genau, was zu tun ist,“ sagten die Heilenden Frauen. „Sie geht gezielt auf das kranke Körperteil zu und setzt sich einfach hin. Manchmal sitzt sie am Kopf, manchmal sind es die Füße. Und sie bleibt sitzen, bis die Arbeit getan ist.“

Mit den Jahren verbreitete sich der Ruhm des Sanften Wesens über das ganze nördliche Land. Geschichten über es gingen durch viele lnuit-Hände als Tauschobjekte – sogar die Cree Indianer tauschten für seine Geschichten. Viele Cree- und Inuit-Händler aus entfernter gelegenen Dörfern boten wertvolle Dinge, auf daß das Sanfte Wesen mit ihnen käme zu ihrem eigenen Volk, um dort diese Heilungen zu tun. Aber die Inuit von Point Barrow wollten sich nicht von ihr trennen – auch nicht für wertvolle Dinge des Weißen Mannes, nicht einmal für Gewehre. „Sie ist gute Medizin,“ sagten sie. „Sie ist Heilung. Ihren Wert kann man nicht in Gewehren messen. Es wäre böse Medizin, sie herzutauschen. Sie kam zu uns, um bei uns zu sein, und hier kann sie bleiben.“

Also geschah es, daß während des Sommers, wenn die Menschen reisen konnten, andere Inuit, und sogar Crees, lange Reisen mit ihren Kranken durch die Tundra unternahmen, bis sie die Inuit von Point Barrow in ihren Zelten fanden. Sie baten um Heilungszeremonien mit der Anwesenheit des Sanften Wesens. Das bedeutete, daß die Inuit Medizinmänner und -frauen während des Sommers sehr beschäftigt waren. Und da die Kranken immer Geschenke gaben, um ihre Dankbarkeit zu zeigen, wurden die Inuit langsam reich an Fellen und Gewehren und Decken und Metallschmuck und anderen wundervollen Dingen. Und die Geschichten über die Heilungen führten zu noch mehr Reichtum, denn mit diesen Geschichten konnte ja wieder gehandelt werden – Geschichten, die zum stetig wachsenden Ruhm des Sanften Wesens beitrugen.

Einmal hörten sogar einige weiße Händler von dem Sanften Wesen, und sie kamen von weit her, um sie zu sehen. Aber die Leute hatten Angst vor den Weißen Männern des Großen Kanus, und sie versteckten das Sanfte Wesen. Sie erzählten dem Weißen Mann, daß sie zu einem anderen Dorf gereist war, um dort ihre heilende Arbeit zu tun. Die Weißen waren sehr enttäuscht und gingen wieder.
Ja, man könnte sagen, daß das Sanfte Wesen ihr Leben veränderte. Man könnte es sagen. Sie lebte mit diesen Leuten ungefähr 10 Winter, erwärmte ihr Leben mit dem Sonnenglanz ihrer Augen und dem Trost ihrer sanften Stimme. Sie wurde alt und langsam, aber nie weniger sanft.

Einen Sommer konnte sie den Leuten nicht mehr nachkommen auf ihrer Wanderung durch die Tundra. Eine der Frauen hob sie hoch und setzte sie in die zurückgeschlagene Kapuze ihres Parkas. Das Sanfte Wesen ritt glücklich dahin in der Kapuze, hinter dem dunklen Haar der Frau, und blinzelte über den rauhen Rand der Kapuze hinaus. Ihre goldenen Augen wurden immer noch groß und dunkel beim Anblick eines Singvogels, aber sie jagte nicht mehr oft, und die Leute fingen Mäuse und brachten sie ihr.

Im folgenden Winter wurde sie krank. Die Medizinfrauen und -männer kamen zusammen, trommelten und sangen ihre mächtigsten Gesänge und arbeiteten an ihr mit ihren besten Federn und anderen Medizinen. Aber sie war alt, und es war ihre Zeit, zu gehen. Der Glanz der Sonne verblaßte von ihren goldenen Augen. Am nächsten Morgen fanden sie ihren kleinen Körper kalt und steif zwischen den Fellen. Die Leute wußten, daß ihr Geist einem neuen Leben entgegeneilte. Vielleicht wurde sie wiedergeboren als ein Wesen dieses großen Landes – als Luchskitten, oder als ein weißer Wolf, oder als Polarbär. Oder vielleicht als Moschusochse, oder als ein Singvogel, der im Winter in den warmen Süden zieht. Oder sogar als ein Seehund. „Vielleicht wandert sie aber gerade in den menschlichen Zyklus,“ sagte einer der weisen alten Männer.
Dieser Gedanke spendete ihnen allen viel Trost. Zur gleichen Zeit vermißten sie aber auch die sanfte Gegenwart, und sie weinten alle. Die Frauen berieten, was nun zu tun sei. Sie wollten die Wärme des Sanften Wesens für immer in ihrer Mitte behalten, und sie wollten seinen Geist anrufen können, um ihre Kranken zu berühren. Sanft, voller Respekt, gerbten die Frauen das wundervoll weiche, vielfarbene Fell mit der größten Vorsicht. Daraus nähten sie ein Medizinsäckchen, in das sie ihre wertvollsten Heildinge legten – Kräuter, Perlen, Federn und alles sonst Benötigte. Die mächtigste der Medizinfrauen wurde die Verwahrerin des Sanften Wesen Beutels. Diese Position wurde bald sehr einflußreich unter den Leuten. Nur die meist geachtete und mächtigste unter den Frauen durfte ihn tragen. Auf diese Art würde das Sanfte Wesen für immer bei ihnen sein.

Der Inuit, der die Geschichte den Crees erzählte, hatte den Medizinbeutel selbst gesehen, da seine Großmutter die Verwahrerin gewesen war. Zu dieser Zeit war der Medizinbeutel schon seit zwei Generationen im Gebrauch, und das Fell wurde dürftiger, genauso wie die Inuit es befürchtet hatten, wenn sich das Sanfte Wesen nach einer Mahlzeit putzte. Aber dieser Medizinbeutel wurde wegen seines Verschleißes nicht weniger geliebt, und würde sicherlich weiter benutzt, bis er völlig zerfiel.

Der Montana Metis vertraute mir an, daß sein Cree-Cousin vier seiner besten Geschichten für diese Geschichte über das Sanfte Wesen eintauschen mußte. Der Metis überreichte mir diese Geschichte als Geschenk. Er gab sie mir mit all der Vorsicht einer Mutter Luchs, die ihren Babys eine Maus bringt.


5 Gedanken zu “Willis – das Sanfte Wesen”

  1. Wunderschön und so wahr…

    Zurzeit versuche ich beizeiten das Buch „Lautlose Sprache“ zu lesen, darin geht es auch um die „alten Völker“, die wirkliche Kommunikation und Verstehen anwenden. Zu Willis passt diese Geschichte mit Sicherheit, mitsamt der tollen Fotos.
    Ein wunderbarer Kater, der viel zu früh und eigentlich sinnlos gehen musste. Aber wer weiß, was sein Auftrag war und ist? Das mildert nur ein wenig den Schmerz, aber ist ein Gedanke wert.

    Würde ich gerne auf der Katzenheimat mit entsprechenden Fotos integrieren, ich denke, mit Angabe der Quelle ist das kein Problem, oder Christina?

    Liebe Grüße
    Sabine

    • Ich denke, wenn Autor und Übersetzer angegeben werden, ist das sicher kein Problem! Ich habe die Geschichte inzwischen auch auf anderen Seiten entdeckt, bestimmt kannst du sie auch auf der Katzenheimat veröffentlichen.

      Intuitive Kommunikation – das finde ich echt faszinierend. Meinen Katzen kann ich zwar schon viel von der Stirn ablesen, aber Nicki gibt mir immer noch pfötchenschlagende Nachhilfe… 🙄

      Naturverbundene Völker haben uns da mit Sicherheit sehr viel voraus, die Zivilisation hat soviel verschüttet…

      Liebe Grüße von Christina

  2. Habe den Text mit Quellenangabe somit kopiert und warte nun auf eine Gelegenheit, wo ich ihn mit passenden Fotos einstellen kann. Danke Dir!
    Ist zwar sehr lang und wird manch einen Leser ermüden, aber da müssen sie durch. 😉

    Das Buch von Marta Williams ist wirklich beeindruckend, wenn man sich auf die intuitive Kommunikation einlassen möchte. Ich bekomme immer wieder zu hören, dass das Humbug sei, aber das stimmt definitiv nicht!
    Unsere Zivilisation ist viel zu unruhig und zu hektisch geworden, da hören sich Menschen gesenseitig nicht einmal mehr zu, wie sollen sie dann noch eine lautlose Sprache hören?

    Manch ein Tierkommunikator wird ein Scharlatan sein, gar keine Frage, aber deshalb darf man diese Fähigkeit nicht generell anzweifeln. Voraussetzung ist innere Ruhe, was aufgrund der allgemeinen Hektik das größte Problem ist…

    Liebe Grüße
    Sabine

Eine Antwort maunzen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s